Wandel der Geschlechterrollen

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in den 1960er Jahren

Einleitung

In den 1960er Jahren veränderte sich die bis dato bestehende Rolle der Frau. Dies geschah aufgrund von verschiedenen Faktoren, die hier erläutert werden sollen. Es wird ein Einblick in folgende Bereiche gegeben:

  • Arbeit
  • Haushalt
  • Familie

Die nachstehenden Ausführungen betreffen ausschließlich die Entwicklungen, die in der BRD der 1960er Jahre auftraten, und veranschaulichen, inwieweit sich die Rolle der Frau in Wirklichkeit geändert hat.

Arbeit

Bis zum Ende der 1950er Jahre galt der Mann als der Ernährer, der durch seine Arbeit in der Lage sein sollte, seine Familie alleine zu unterhalten, während die Frau sich um Familie, Kindererziehung und Haushalt kümmern sollte. Am Anfang der 1960er Jahre änderte sich dies jedoch und die moderne, verheiratete Frau entwickelte eine "Lust am Zuverdienen". Bis zum Jahr 1970 wurde es nur selten infrage gestellt, dass allein die Frau für die Haus- und Familienarbeit verantwortlich war. Ohne diese Geschlechterhierarchie wäre der geschlechterpolitische Aufbruch der 1960er Jahre nicht möglich gewesen.

In den Jahren 1955 bis 1969 setzten sich Neuerungen im Verhältnis der Geschlechter durch, ein neuer gesellschaftlicher Konsens über die Erwerbsarbeit der Ehefrauen wurde entfacht. Durch die Einführung der Teilzeitarbeit in Betrieben, Behörden und Büros, die den Frauen eine Kombination von Berufsleben und Alltags- und Haushaltspflichten ermöglichte, vollzog sich eine Modernisierung der Geschlechterverhältnisse, wobei jedoch die Geschlechterordnung unverändert blieb. Durch die Teilzeitarbeit wurde den Ehefrauen zwischen 1962 und 1969 erstmals ein Recht auf (zeitverkürzte) Erwerbstätigkeit eingeräumt. Diese Möglichkeit nutzten viele Frauen auch. Zwischen 1950 und 1961 stieg der Anteil der erwerbstätigen Frauen von 19 auf 35 Prozent. 1970 war sogar fast jede zweite erwerbstätige Frau verheiratet. Dies lag vor allem an einer Veränderung des Lebensgefühls der Frauen. Sie wurden selbstbewusster und wollten gegenüber ihrem Ehemann unabhängiger und selbständiger sein. Außerdem wünschten sie sich neue soziale Kontakte außerhalb der Familie, da ihnen Zuhause "die Decke auf den Kopf fiele". Teilzeitarbeit hingegen war ideal für einen Ausgleich, sowohl für ältere Frauen mit bereits erwachsenen Kindern, als auch für junge Mütter.

Zu allererst musste die Teilzeitarbeit jedoch rechtlich eingebürgert werden. Dies geschah erstmals 1962, als das Bundessozialgericht entschied, dass jede "häuslich gebundene" Frau, die mindestens 25 Stunden pro Woche arbeiten kann, ein Recht auf Arbeitslosenunterstützung hat. Dieses Gesetz und die derartige Öffnung des Arbeitsmarktes für die Frau lag zum Teil am Arbeitskräftemangel, aber auch am öffentlichen Meinungswandel. Es traten allerdings neue Schwierigkeiten auf. Denn ab 1961 mussten Frauen in Teilzeitbeschäftigung selbst in die Kranken- und Rentenversicherung einzahlen, obwohl sie über ihre Ehemänner bereits versichert waren. Vor allem ältere Frauen mobilisierten daraufhin die Gewerkschaften gegen ihre Arbeitgeber, sodass sie 1964 die Forderung stellten, Teilzeitarbeit gar nicht zu versichern. Die Lösung bestand in einem Kompromiss, laut dem Erwerbstätigkeit von mehr als 20 Stunden pro Woche, die länger als 3 Monate ausgeübt wird, ab 1965 renten- und krankenversicherungspflichtig war. Auch eine steuerliche Gleichstellung ließ sich nicht durchsetzen. Dies hatte zwei Gründe: zum einen wollten die Ehemänner als Ernährer der Familie nicht auf ihre steuerliche Besserstellung verzichten, zum anderen wollten die Frauen nicht ihren Status als Zuverdienerin in einem Haushalt eines gut verdienenden Ernährers verlieren. Es ging in gewisser Weise also auch um ein Selbstwertgefühl gepaart mit einer Art Eitelkeit.

1959 wurde die Teilzeitarbeit in Westdeutschland ausgeweitet, da ein Arbeitskräftemangel bestand, die Frauen aber zu den Konditionen des Normalarbeitsmarktes nicht bereit waren, arbeiten zu gehen. Zunächst wurde die Teilzeitarbeit in gewerblicher Industrie eingesetzt. Die Teilzeitbeschäftigung stieg zwischen 1960 und 1970 von 4 auf 19 Prozent, doch eine dauerhafte Etablierung der verkürzten Arbeit in der gewerblichen Industrie vollzog sich nur in Ausnahmefällen. Beispielsweise in Regionen, in denen es keine anderen Arbeitsmöglichkeiten gab oder wie bei der Firma "Bahlsen" in Hannover, bei der die Fiktion aufrecht erhalten wurde, dass es sich bei der Herstellung von Backwaren um etwas Besseres handelt, als in einer Fabrik. Hingegen ließ sich die Teilzeitarbeit im Büro besser etablieren. Allerdings erst als die neue Technisierung die mittelständischen Betriebe erreichte. Ab 1962 wurde die Verwaltungsarbeit durch Diktaphone und EDV-gesteuerte Buchhaltung in kürzester Zeit vollkommen überholt. Der Büroalltag wurde revolutioniert und die Teilzeitarbeit in flächendeckend entstehenden Schreibsälen eingeführt. Der Angestelltenstatus ermöglichte es der Frau am ehesten, ihren sozialen Status aufrechtzuerhalten und zu zeigen, dass ihr Mann der Ernährer der Familie ist. Der tertiäre Sektor bot gegenüber der Fabrikarbeit weitere Vorteile, da er als krisenfest und konjunkturunabhängig angesehen wurde.

Gegen Mitte der 1960er Jahre kristallisierte sich heraus, dass ein Interessengefälle bzgl. der Arbeitszeiten zwischen den Betrieben und den Frauen bestand. So überstieg die Nachfrage nach Voll- und Teilzeitbeschäftigten das Angebot seitens der Frauen um ein Vielfaches. Viele Frauen stellten auch schon seit Beginn der 1960er Fragen nach gewerblicher Heimarbeit, die sich besser mit Haushalt und Familie vereinbaren ließ. Somit wurden "Eildienste für Büroarbeiten" eingerichtet, die besonders erfolgreich waren. Solche Eildienste für Gelegenheitsarbeiten existierten in vielen Städten schon seit dem Beginn der 1950 Jahre. Im Sommer 1962 wurde eine aufwendige Werbekampagne durchgeführt, durch die sich bereits in den ersten Wochen über 900 Frauen meldeten, von denen 275 befristete Bürotätigkeiten aufnahmen.

Fazit

In den 1960er Jahren wurde den Ehefrauen in allen gesellschaftlichen Bereichen ein Recht auf (verkürzte) Erwerbsarbeit eingeräumt. Die Teilzeitarbeit galt als Garant für die als notwendig empfundene gesellschaftliche und geschlechterpolitische Anpassung an die rasch fortschreitende Modernisierung.

Haushalt

In den 1960er Jahren war es selbstverständlich, dass die Frau sich als Hausfrau und Mutter um den Haushalt kümmerte, während der Mann der Ernährer war. Im Zuge von Rationalisierungsbestrebungen, die aus den USA nach Deutschland kamen, veränderte sich die Hausarbeit der Frau jedoch im Laufe des 20. Jahrhunderts. Neue technische Geräte sollten ihren Alltag erleichtern und ihr mehr Freizeit verschaffen, durch neue arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse sollte eine effiziente Arbeitsorganisation erreicht werden. Zeit-, Kraft- und Materialersparnis sollten oberste Prinzipien jeder haushälterischen Arbeit sein. Das Ziel war eine bessere hauswirtschaftliche Bildung der Frau und Arbeitserleichterung durch Technisierung des Haushaltes.

Die neue Technik zwang die Frau jedoch, sich mit den Produkten intensiver zu befassen, damit sie mit ihnen umgehen konnte. Durch zeitbeanspruchende Montierung und Reinigung der Geräte lohnte es sich oft nicht, diese zu benutzen, sodass die Frauen trotzdem zu den bewährten Hilfsmitteln griffen. Deshalb hatten die Küchengeräte eher Bedeutung als Geschenkartikel und Prestigegegenstände. Durch die Einführung der abgetrennten Arbeitsküchen in den 1960er Jahren wurde der Frau ein ungestörtes und professionelles Wirtschaften ermöglicht, wobei sie jedoch andererseits von der Familie isoliert war, was bei den vorher üblichen Wohnküchen nicht der Fall war. Sie war aber nicht nur von der Familie isoliert, sondern auch von sozialen Kontakten, da sie bspw. durch die Entwicklung der Waschmaschine, die ab den 1960er Jahren auch für Durchschnittsverdienen erschwinglich war, zuhause waschen konnte. Der Trend ging allgemein von der kollektiven Hauswirtschaft über zur technischen Autonomie der Kleinfamilie. Auf der anderen Seite entstand durch die Vereinfachung des Waschvorgangs ein höherer Hygienestandard, weshalb die Kleidung öfter gewechselt wurde, somit öfter gewaschen werden musste, wodurch wiederum mehr Bügelwäsche und damit wieder weniger Freizeit für die Frauen aufkam.

Eine derartige Aufgabenverschiebung vollzog sich in den meisten haushälterischen Bereich, wodurch die Frau nicht mehr Freizeit erlangte, was ursprünglich von der Technisierung des Haushaltes erwartet und angekündigt worden war. Hingegen betrug die durchschnittliche Arbeitszeit im Jahr 1953 69,2 Stunden, während es 1966 72,2 Stunden in der Woche waren. Einzig bei berufstätigen Frauen verkürzte sich zwangsweise die Hausarbeitszeit und die Haushaltspflichten wurden auf den Abend und das Wochenende verschoben.

Fazit

Obwohl die Technisierung des Haushaltes eine enorme Erleichterung für die Frau versprach, blieb diese in den meisten Fällen aus oder wurde durch Aufgabenverschiebungen relativiert. Wenn die Frau zusätzlich berufstätig sein wollte, musste sie ihre Haushaltspflichten dementsprechend einteilen, auch weil von ihrem Ehemann als Ernährer der Familie keine Hilfe zu erwarten war.

Familie

Noch in den 1950er Jahren ließ sich das Rollenbild der Frau durch folgenden Leitsatz beschreiben: "Der Mann ist das Haupt, die Frau das Herz der Familie." Dieses Familien- und Frauenverständnis wirkte noch bis Mitte der 1960er Jahre, laut dem die Frau die zentrale Figur war, die für die familiäre Harmonie zuständig war. Gleichzeitig stieg während der 1950er Jahre die Müttererwerbstätigkeit, auch aufgrund des Bedarfs an weiblichen Arbeitskräften. In Zeitschriften wie "Brigitte" und "Constanze" wurden die Hausfrauen aufgefordert, nicht mehr ihre ganze Zeit mit den Haushaltspflichten zu verbringen, sondern sich auch der Mode und der Kosmetik zu widmen, um dem Ehemann attraktive Frau zu sein.

Es bestand ein öffentliches und politisches Interesse an der sich verändernden Rolle der Frau. Deshalb wurde 1966 die sogenannte "Frauenenquête" durchgeführt. Diese Studie zeigte, dass das soziale Ansehen der Ehefrauen, die Nur-Hausfrauen waren, gesunken ist, was sich u. a. daran äußerte, dass sich manche Nur-Hausfrau gegenüber Erwerbstätigen benachteiligt fühlte. Außerdem würden die Nur-Hausfrauen einen Mangel an geistiger Anregung und sozialem Kontakt erleiden. Ende der 1960er Jahre ging es sogar soweit, dass behauptet wurde, dass eine Nur-Hausfrau den Anforderungen einer Partnerschaft nicht genügt, da sie intellektuell nicht mit ihrem Partner mithalten könne, weil sich ihr Wissen lediglich auf die Hausarbeit beschränke und sie sonst keinerlei Interessen habe. Ein Mann, der nach seinem anstrengendem Tag von der Arbeit kam, wollte sich nicht mit seiner Frau über den Haushalt unterhalten. So wurde es zum partnerschaftlichen Ideal, dass die Ehefrau Erfahrung im Beruf haben sollte, zusätzlich zu ihrem perfekten Wissen über die Führung eines Haushaltes selbstverständlich.

Gerade durch dieses neue Ideal geriet die Hausfrau in ein konfliktreiches Dilemma: einerseits sollte sie berufstätig sein, um ihrem Ehegatten ebenbürtig zu sein und mit ihm kommunizieren zu können, andererseits wurde dieses Partnerschaftsideal durch den Kinderwunsch und die damit einhergehende Berufsabstinenz bedroht. Mutterschaft und Partnerschaft konkurrierten allmählich immer mehr. Dabei sollte die Berufstätigkeit der Verbesserung der Partnerschaft dienen und die Frau eigenständiger machen, indem sie in der Lage sein sollte, eine eigene Meinung und Persönlichkeit zu bilden. So wurde Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre die Berufstätigkeit der Frau zum Königsweg der Emanzipation.

Fazit

In den 1960er Jahre änderte sich das Selbstbild der Frau. Da sie mehr sein wollte als Nur-Hausfrau, ging sie arbeiten. Diese Entwicklung wurde aber auch durch das neue Partnerschaftsideal beeinflusst, welches wiederum den Konkurrenzkampf zwischen Mutterschaft und Partnerschaft auslöste. Die Rolle der Frau als Harmonie spendende Hauptfigur der Familie wurde auf eine sehr harte Probe gestellt, denn ein Konflikt schien hier unausweichlich.

Literaturverzeichnis

  • Oertzen, Christine von (2003): Teilzeitarbeit für die 'moderne' Ehefrau: Gesellschaftlicher Wandel und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in den 1960er Jahren. In: Matthias Frese, Julia Paulus und Karl Teppe (Hg.): Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch. Die sechziger Jahre als Wendezeit der Bundesrepublik. Paderborn: F. Schöningh.
  • Lindner, Ulrike (2003): Rationalisierungsdiskurse und Aushandlungsprozesse. Der moderne Haushalt und die traditionelle Frauenrolle in den 1960er Jahren. In: *Matthias Frese, Julia Paulus und Karl Teppe (Hg.): Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch. Die sechziger Jahre als Wendezeit der Bundesrepublik. Paderborn: F. Schöningh.
  • Paulus, Julia (2003): Familienrollen und Geschlechterverhältnisse im Wandel. In: Matthias Frese, Julia Paulus und Karl Teppe (Hg.): Demokratisierung und gesellschaftlicher Aufbruch. Die sechziger Jahre als Wendezeit der Bundesrepublik. Paderborn: F. Schöningh.

Verfasser/in

Jennie Veronika Giranowski / WS 11/12