Personelle Kontinuitäten

Aus zeitgeschichte
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in der Führung von Bundeswehr und NVA zur Zeit ihrer Gründung in den 1950er Jahren

Die Ausgangslagen bei Gründung der Bundeswehr im Westen (1955) und der NVA im Osten (1956) hatten als Gemeinsamkeit, dass das jeweilige Führungspersonal (Offiziere und Generäle) aus ehemaligem Wehrmachtspersonal bestand. Den Grund hierfür gibt folgendes Adenauerzitat von 1954 wieder, als er von Journalisten gefragt wurde, ob die "Generale Adolf Hitlers auch die Generale Konrad Adenauers" seien. Antwort: "Ich glaube, dass mir die NATO achtzehnjährige Generale nicht abnehmen wird." (Wette 2001, S. 69f). Um in militärische Führungsränge zu gelangen, braucht es einer längeren Ausbildungs- und Dienstzeit, was 1955 nur heißen konnte, dass es kein deutsches militärisches Führungspersonal für die Bundeswehr geben konnte, das nicht in der Wehrmacht schon gedient hatte. Hier wird deutlich, wie schwer, eigentlich unmöglich, es in den 50er Jahren war, einen völligen ideologischen Schlusspunkt nach 1945 bei einer neu zu gründenden militärischen Verteidigungsarmee zu setzen.

Mit dem neu rekrutierten ehemaligen Wehrmachtsführungspersonal hatte auch nationalsozialistisch gefärbtes Gedankengut die Möglichkeit, zu überleben. Deutlich wird dies z. B. auch am Mythos der "sauberen Wehrmacht", einer Wehrmacht, die "nur" in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt war und an nationalsozialistischen Gräueltaten gegenüber Juden, Sinti, Roma u. v. m. nicht beteiligt gewesen sein sollte. Diese Legende hielt sich ausgehend von den 1950er Jahren die ganze Zeit der Bundesrepublik hindurch bis zur 1995 stattfindenden und viel diskutierten Wehrmachtsausstellung, an die anlehnend der damalige Bundesverteidigungsminister Volker Rühe 1996 klarstellte, dass die ehemalige Wehrmacht als "Organisation des Dritten Reiches" sehr wohl in "Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt" gewesen sei (ders., S. 92). Echternkamp fasst zusammen, dass das "Selbstverständnis" der Bundeswehr "in den ersten Jahrzehnten wesentlich von ihrem Verhältnis zur Wehrmacht geprägt war" (2008, S. 46). Ein Grund für dieses lange Geprägtsein liegt sicher im Faktum der personellen Kontinuität des Führungspersonals.

Eingebettet war die Wiederbewaffnung der BRD in den 50er Jahren außenpolitisch in die unbedingte "Westintegration" (ders., S. 51) der Bundesrepublik, innenpolitisch in das "Modell der Zivilgesellschaft" (Herbert S. 13), das den "Staatsbürger in Uniform" generierte (Echternkamp 2008, S. 50). Betrachtet man diese vollkommen neue ideologische Ausrichtung der neu gegründeten Bundeswehr einerseits und die personelle Kontinuität des Führungspersonals andererseits, tut sich hier ein Spannungsfeld auf: Ehemalige Wehrmachtsgeneräle und -offiziere sollen eine unbedingte Westintegration der Bundeswehr befördern, also sich in ein Bündnis mit Staaten integrieren, die gut zehn Jahre vorher noch die (Kriegs-)Feinde Deutschlands gewesen waren (England, Frankreich, USA etc.). Auch das gesellschaftliche Bild des Soldaten als eines "Staatsbürgers in Uniform" passt sicher nicht ins überkommene deutsche Soldatenbild aus Wehrmachtszeiten.

Auch in der DDR ging die Wiederbewaffnung relativ zügig vonstatten: schon 1949 gab es "erstmals bewaffnete Einheiten der kasernierten Volkspolizei" (Koch 2000, S. 6). Als die BRD 1955 eine bewaffnete Verteidigungsarmee konzipierte, zog die DDR 1956 zügig mit Gründung ihrer NVA nach. Auch hier gab es eine unbedingte personelle Kontinuität im Führungspersonal: Die Sowjetunion entließ schon 1946 100 ehemalige Wehrmachtsoffiziere und 5 Wehrmachtsgeneräle aus sowjetischer Gefangenschaft, um in der SBZ bewaffnete Verbände gründen zu können. Allerdings hatte Führungspersonal aus der ehemaligen Wehrmacht in der NVA keine lange Karriere vor sich, denn schon Ende der 50er Jahre beendete die SED-Führung den "direkten Einfluss der ehemaligen Wehrmachtsoffiziere in der DDR-Volksarmee rigoros"; dies aus "klassenideologischem Anspruch und politischem Argwohn" (Niemetz 2006, S. VIII). Die ostideologische Ausrichtung zielte innenpolitisch auf eine "sozialistische Soldatenpersönlichkeit". Außenpolitisch galt das unbedingte Eingebundensein in das Bündnis des Warschauer Paktes. Mit dieser konsequenten Ausrichtung zu Sozialismus und östlich-sozialistischen Bruderstaaten wurde von der SED-Führung in den 50er Jahren mittels "Diktat von oben" versucht, die Zeit des Nationalsozialismus erinnernd so zu beenden, dass man sich fortan im und durch den Sozialismus für Frieden und Freiheit durch Sozialismus verpflichtet sah.

Der in der BRD angestrebten "Zivilgesellschaft" stand in der DDR eine ab Beginn der 50er Jahre mehr und mehr militarisierte Gesellschaft gegenüber (dies vor dem Hintergrund, dass man meinte, den Frieden durch Sozialismus unbedingt gegen westlich aggressiven Imperialismus verteidigen zu müssen): 1952 erfolgte der "offizielle Startschuss für die Wehrerziehung [...] während des 4. Parlaments der FDJ" (Koch 2000, S. 6). "Im Mai 1953 verpflichtete das Politbüro des ZK der SED in einem »Beschluss die Verbesserung der Arbeit der FDJ« alle Ebenen der Partei, bei der Erziehung der Jugend zu »echtem Patriotismus« mitzuarbeiten" (ders., S. 7). In den 60er Jahren wurde die Wehrerziehung dann als vormilitärische Ausbildung in den Schulen eingeführt, so dass sich in der DDR 1969 folgendes Bild einer militarisierten Gesellschaft ergab: Von 0-3 Jahren fingen wehrdienstliche Aktivitäten schon in der Kinderkrippe an, gingen über Kindergarten, Schule, FDJ, Betriebe, EOS, Hoch- und Fachschulen bis zur Reserve, die die 25-35 Jährigen erfasste (vgl. ders., S. 12). Im Gegensatz zur BRD wurden Mädchen und Jungen, bzw. Frauen und Männer im Wehrunterricht gleichermaßen, allerdings mit verschiedenen Aufgabenbereichen, erfasst. Ideologische Grundlage waren Patriotismus dem sozialistischen Heimatland gegenüber und die unbedingte Verteidigung des (als rein friedlich interpretierten) Sozialismus.

Literaturverzeichnis

  • Echternkamp, Jörg: "Bedingt erinnerungsbereit", Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht, 2008.
  • Koch, Michael: "Die Einführung des Wehrunterrichts in der DDR, Erfurt: Landeszentrale für politische Bildung Thüringen (Internetquelle: [1]), 2000.
  • Niemetz, Daniel: "Das feldgraue Erbe", Berlin: Christorph Links Verlag 2006.
  • Wette, Wolfram: "Mythos Wehrmacht", Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 2001.

Verfasser/in

Edith Nemetschek / WS 10/11