Tagungsbericht "New Perspectives of Legal Education in Europe" vom 18./19. März 2010

Aus modjuristausb
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Am 18./19. März fand in Berlin eine internationale Konferenz mit ca. 200 Teilnehmern aus ganz Europa statt. Diskutiert wurde über die Juristenausbildung in Europa "im Lichte" des Bologna-Prozesses. Die Veranstaltung war organisiert vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, vom DAAD und von der HRK.


Donnerstag, 18. März 2010

Einführung

Nach einer kurzen Begrüßung durch den Präsidenten des Stifterverbands, Andreas Schlüter, hielt - stellvertretend für die durch einen Stau noch in Zürich aufgehaltene Präsidentin der HRK Margaret Wintermantel - Frau Brigitte Göbbels-Dreyling ein - wie ich fand - relativ lahmes Einführungsreferat, das aufgrund der schlechten Akustik im Atrium des Deutschen Bank - Forum (ganz mondän Unter den Linden) zudem noch schwer zu verstehen war. Sie äußerte berechtigte Zweifel daran, dass mit der derzeitigen Juristenausbildung alles in Ordnung sei, aber auch daran, dass der Bologna-Prozess die allein selig machende Remedur wäre. Sie verwies auf die hohen Abbrecherzahlen und die Frage, wie in der Juristenausbildung Forschung, Dogmatik und Praxisnähe miteinander verbunden werden könnten. Ferner sei eine Diversifikation der von den Studienanfängern verfolgten Berufsziele erkennbar, die eine Reaktion nahelegten. Schließlich forderte sie die Teilnehmer auf, die Konferenz zu nutzen, um einen Rundblick auf die Juristenausbildung in anderen Ländern und die hier und dort jeweils vorhandenen Probleme zu werfen.

Podiumsdiskussion: "Expectations in and Promises of Law Studies"

Aus meiner Sicht nicht sehr spannend war auch die anschließende erste Podiumsdiskussion, in der es um Erwartungen an ein Jurastudium und dessen Verheißungen für die Studenten ging. Es nahmen teil drei Professoren (aus Universitäten in Finnland, den Niederlanden und der Slowakei) und vier mehr oder weniger fortgeschrittene Jurastudenten (aus Universitäten in Dänemark, Deutschland und Frankreich). Immerhin, es schälten sich so einige Dinge heraus, die auch für die weitere Konferenz von Bedeutung waren:

Von den Professoren wurde betont, dass das Jurastudium vor allem eine Denkschule sei und sein solle. Weg vom "black letter law" und rein in den "context", insbesondere in den europäischen und überhaupt in den rechtsvergleichenden. Der Moderator versuchte noch, herauszufinden, wann denn in einem Jurastudium die geschichtlichen und philosophischen Grundlagen gelegt werden sollten (eher zu Beginn oder eher nach der Vermittlung des "Handwerkszeugs"?). Einer Festlegung auf eine bestimmte Reihung entzogen sich die Teilnehmer aber. Einig waren sie sich, dass einerseits die reine national-rechtlich geprägte Ausbildung auf dem Rückzug sei, andererseits aber auch auf absehbare Zeit auch keine europaweite Mobilität der Studenten in Frage komme. Die Studentin, die ihren LL.B. in der Slowakei mache, anschließend ihren LL.M. in Frankreich, um sich dann in Deutschland als Rechtsanwältin niederzulassen, werde es nicht geben.

Die Studenten wollten dagegen vor allem in der Praxis mitmischen können ("hands-on-approach"). Die praktische Perspektive, etwa durch moot-courts oder durch die Nachstellung von Verhandlungssituationen, wurde insbesondere von solchen Studenten verlangt, deren Heimatländer offenbar eine viel zu theorielastige, teilweise aus deutscher Sicht sinnlose Ausbildung (Gesetze auswendig lernen) kennen. Hier wie auch später stellte sich auch eine interessante "Zweiteilung" heraus. Die großen Länder mit langer rechtswissenschaftlicher Tradition (z.B. England, Frankreich, Deutschland) betonten eher die Zweispurigkeit der europäischen und der jeweiligen nationalen Rechtsquellen. Sie sahen den Bologna-Prozess tendenziell kritisch. Teilnehmer aus den kleineren Ländern, insbesondere aus dem Osten Europas, betonten eher die gemeinsamen europäischen Rechtsgrundlagen und begrüßten den Bologna-Prozess mit mehr Hoffnungen als Befürchtungen.

Impulsreferat Heribert Hirte: "Law Studies in Europe: An Overview"

Den ersten "Knaller" lieferte dann Heribert Hirte ab, mit einem Überblick über die Juristenausbildung in verschiedenen Ländern unter Einbeziehung auch der Vereinigten Staaten. Es gab aber keinen langweiligen Länderüberblick, der die Zuhörer auch überfordert hätte. Vielmehr stellte er zunächst kurz dar, wie unterschiedlich in Europa mit dem Bologna-Prozess umgegangen werde. In Frankreich etwa, sei die LL.B./LL.M-Struktur zwar eingeführt worden, aber nur als zusätzliche Möglichkeit neben die klassische Ausbildung getreten. In Italien, dem Mutterland Bolognas, sei der Prozess vor allem dazu benutzt worden, die (der Politik) nicht genehme zu große Autonomie der Universitäten einzudämmen, nach schlechten Erfahrungen rudere man aber jetzt bereits zurück. Insgesamt gebe es eine sehr große Vielfalt im Umgang mit dem Bologna-Prozess, im Übrigen stehe zu befürchten, dass die vom Bologna-Prozess angestrebte Mobilität der Studenten nur dazu führe bzw. genutzt werde, strikte Examensprüfungen zu vermeiden.

Hirte beantwortete dann die Frage, warum die Juristenausbildung eigentlich reguliert werden muss (bei uns etwa durch das DRiG und die Ländergesetze). Er meinte, es bestehe ein öffentliches Interesse an Regulierung, weil hier ein Marktversagen vorläge: Der Wert von Rechtsdienstleistungen könne aufgrund ihrer flüchtigen Natur (volatile nature) nur sehr schwer bewertet werden.

Bei der Regulierung selbst verlaufe die Haupt-Trennlinie zwischen den angelsächsischen und den kontinentaleuropäischen Ländern. Die Ergebnisse jedoch seien ähnlich. So gebe es in den "common law countries" etwa hohe Eintrittshürden zum Studium, in Kontinentaleuropa dagegen statt dieser Hürden einen scharfen Auswahlprozess (Staatsexamina, universitäre Prüfungen) während oder am Ende des Studiums. Der Inhalt des Studiums sei entweder - wie bei uns - unmittelbar durch Gesetze geregelt oder aber indirekt durch die Prüfungen von "bar associations" (etwa in den USA), die dazu führten, dass die Universitäten entsprechende Vorbereitungskurse anböten. Dies alles fördere im Übrigen die Beschränkung auf die nationale Rechtsordnung, was die von Bologna erstrebte erhöhte Mobilität durch internationalen Studentenaustausch erschwere. Forensische Praxis werde in den USA etwa durch die legal clinic bereits während der law school zum Gegenstand der Ausbildung, während sie bei uns erst im Anschluss (Referendariat) vermittelt werde.

Am Ende und zusammenfassend wies Hirte auf die Unterschiede in den Prozessordnungen und den Traditionen, d.h. der beruflichen Praxis der Juristen in den verschiedenen Rechtsordnugnen hin. Insbesondere die Betonung der freien Rede in den angelsächsischen Staaten gegenüber einer Betonung des Schriftlichen in Kontinentaleuropa führe auch zu Unterschieden im Studium. Ohne die spätere Praxis könne das Studium nicht verstanden werden.

Diskussion: "Reforming Law Studies in Europe: The Employers´ View"

Aus meiner Sicht ein Höhepunkt waren die Erwartungen der Arbeitgeber an das Jurastudium, deren Darstellung nach dem Mittagessen dafür gesorgt haben, dass ich mein "Mensa-Tief" ganz schnell wieder überwunden habe.

Zuerst gab Peter Huber, jetzt Innenminister von Thüringen, seine Einschätzung für Berufe in der öffentlichen Verwaltung ab. Huber hatte bis zum letzten Jahr als Vorsitzender des Deutschen Juristenfakultätentags mit Vehemenz gegen die Einführung des Bologna-Prozesses in der Juritenausbildung gestritten. Es war daher kaum verwunderlich, dass er die Juristenausbildung in Deutschland im Grundsatz für gelungen hält.

Die Erwartungen des öffentlichen Arbeitgeber beschrieb er wie folgt: Wesentlich sei, dass der Berufsanfänger in der Lage sei, sich schnell in neue Probleme und Fragen einzuarbeiten. Er verlangte Überblick darüber, wie das Rechtssystem arbeite und mehr Fähigkeiten (abilites) als Wissen (knowledge). Die ausgebildeten Juristen sollten einen Blick für das Ergebnis (look at the outcome) und die ökonomischen Folgen ihrer Arbeit (economic implications) haben. Unabdingbare Voraussetzung sei auch eine gute Allgemeinbildung (sound general education). Es komme darauf an, Detailwissen müsse dagegen nicht vermittelt werden (no details) und die künftigen Beamten sollten die Funktionsfähigkeit des Rechts im Auge haben (to make law work).

Was die Ausbildung angehe, müsse insbesondere das Verwaltungsrecht beherrscht werden, er stelle keine Lücke zwischen der jetztigen Juristenausbildung und den beruflichen Anforderungen an die Tätigkeit eines Beamten fest.

Dem Bologna-Prozess stehe er nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber, LL.B. und LL.M. könnten aber die jetztige Ausbildung für die klassischen Berufe nicht ersetzen (no substitute).

Die Frage, ob in einigen Bereichen momentan zu viel vermittelt würde, bejahte Huber vorsichtig, wollte aber keine ganz konkreten Beispiele nennen (es fielen aber die Stichworte öffentliches Recht und Arbeitsrecht). Insgesamt seien etwa 20% der Wissensbereiche wohl verzichtbar.

Anschließend nahm Michael Lappe, Partner bei Linklaters, Stellung aus Sicht einer internationalen Großkanzlei: Auch er hielt die jetzige Ausbildung im Großen und Ganzen für gut, machte aber einige aus seiner Sicht wichtige Vorbehalte.

Erstens vermißte er im Jurastudium insgesamt die Vermittlung einer von ihm sog. "commercial/economic awareness", er verlangte also mehr Grundverständnis für ökonomische Zusammenhänge. Zweitens müsse mehr Wert auf die Vermittlung praktischer Fähigkeiten gelegt werden, hier nannte er insbesondere die Fähigkeit zur Ausformulierung von Verträgen (drafting skills). Ferner dürfe sich die Ausbildung keinesfalls in Detailbereichen velieren, es sei ein umfassender Ansatz nötig (more integrated/holistic approach). Schließlich gab er aus praktischer Sicht zu bedenken, dass die Juristenausbildung in Deutschland insgesamt zu lang sei, und zwar aus einem bislang kaum beachteten Grund. Berufsanfänger in Deutschland seien zwischen 27-31 Jahre alt. Das sei aber gerade das Alter, indem Familien gegründet werden und dieser zwar private, aber gleichwohl bestimmende Wunsch sei mit einer Stelle, die gerade am Anfang intensive Arbeit verlange, kaum vereinbar.

Bei all diesen Überlegungen müssten die jetzigen Standards einer wissenschaftlichen Ausbildung gewahrt werden. Lappe betonte wie viele vor und nach ihm das juristische Denken. Der kontinentaleuropäsiche deduktive Ansatz (im Gegensatz zum induktiven case-law-Ansatz angelsächsischer Prägung) müsse beherrscht werden. Start with the abstract, come to details later. Und er sprach auch die Bedeutung der Vermittlung von Werten (ethics) an, was man von einem Vertreter einer Großkanzlei nicht unbedingt (oder vielleicht gerade?) erwartet hätte.

Die Erwartungen an künftige Syndici wurden von Daniel Petitpierre, Präsident der Vereinigung schweizerischer Unternehmensjuristen, formuliert. Er hatte es als Dritter etwas schwerer und wollte nicht alles bereits Gesagte wiederholen. Kurz gefasst erwartete er von der Juristenausbildung möglichst schnell voll ausgebildete Juristen (fully trained, a.s.a.p.). Das setze eine Grundausbildung in den Kerngebieten des Rechts (unter Einschluss von Zivil-, Strafrecht und öffentlichem Recht) voraus. Man könne zwar immer weitere Fachgebiete (educational topics) in der Ausbildung hinzufügen. Aber dadurch werde die Qualität der späteren Berufsanfänger in keiner Weise erhöht. Es komme also darauf an, die Ausbildung auf die wesentlichen Fähigkeiten zu reduzieren (boild down to the essential). Ein LL.B.-Abschluss reiche für die Tätigkeit als Syndikus-Anwalt sicher nicht aus. Petitpierre betonte die Wichtigkeit des praktischen Teils der Ausbildung. Eine zu kurze Ausbildung führe dazu, dass letztlich die Einarbeitungszeit in den Unternehmen länger werde.


Arbeitsgruppe: "How to teach and examine in Law Studies?"

Die Konferenzteilnehmer teilten sich dann auf unterschiedliche Workshops auf. Ich nahm an der zweiten Arbeitsgruppe über Lehre und Prüfung teil und erfuhr zunächst in einem Impulsreferat von Avrom Sherr von der University of London, worauf es im Vereinigten Königreich ankommt. Es fielen Stichworte wie pursuit of truth, traning of the mind, philosophical habit und ich erfuhr, dass in England Jurastudenten einen Auswahltest bestehen müssen. Der ist zweigeteilt und besteht aus einem Multiple Choice - Test zu zeitgenössischen Aspekten (Zeitungswissen) und Geisteswissenschaften und aus einem Aufsatz. In der Ausbildung selbst kommt es vor allem darauf an, dass die Studenten Wissen anwenden können und abstrakte Konzepte auf Tatsachen beziehen können. Die zu vermittelnden "key skills" lägen einmal in der Kommunikationsfähigkeit und Sprachbeherrschung, im Rechnen (!), der Beherrschung der Informationstechnologie und in der Fähigkeit in Teams zu arbeiten. Shavver beschrieb dann einige Probleme in der heutigen Juristenausbildung im Vereinigten Königreich, die insbesondere in ernsthafter Unterfinanzierung und einem Mangel an Praktikumsplätzen (3700 Studenten/294 Plätze) liegen.

Ulrich Stelkens hielt das zweite Impulsreferat, das ich leider (Raumakustik und schnelles Sprechen) nur in Auszügen verstanden habe. Er betonte, dass ein Student sich am Anfang des Studiums erst einmal durch eine Menge von abstrakten Konzepten und Inhalten "durchessen" müsse (eating -phase), bevor es zur Vermittlung von Transfer-Fähigkeiten kommen könne. An dieser ersten Phase, die im Wesentlichen Wissensvermittlung sei, scheiterte eine nicht unerhebliche Zahl von Studenten. Daneben vertrat er die These, dass ca. 80% der Studienanfänger in Deutschland für ein Jurastudium nicht geeignet seien, 10% seien sowieso gut und die übrigen 10% zumindest gutwillig. Was das Referendariat angehe, sei es unverzichtbar, da es den Kontakt zu jedem klassischen Beruf in der Jurisprudenz herstelle, im Übrigen gebe es das Referendariat in der einen oder anderen Form auch sonst überall. Es gerate allenfalls durch die Probleme der Staatsfinanzen unter Druck. Die praktische Ausbildung dürfe keinesfalls in die Verantwortung der Anwälte gelegt werden.

In der anschließenden Diskussion äußerten mehrere Teilnehmer ihre Enttäuschung darüber, dass man im Workshop keine Ideen und Konzepte für die konkrete Gestaltung von Vorlesungen und neuen Lehrmethoden erfahre. Das Panel antwortete, gerade das Jurastudium setze dem Einfallsreichtum des Lehrenden so gut wie keine Grenzen. Herr Shavver berichtete, womit er seine Studenten in der ersten Stunde beglückt: Er bittet einen Studenten, sich auf einen Tisch zu legen und führt eine virtuelle Autopsie durch. Er stellt den Studenten dann die Frage, was er da mache und in welchem Studium sie sich zu befinden glauben. Der Witz: Das, was im Medizinstudium die Leichenbeschau, ist im Jurastudium die Analyse von Fällen als "dead bodies". Auf diese Weise sollen die Studenten offenbar von vornherein ein Bewußtsein dafür entwickeln, dass die eigentlich spannenden Dinge, nämlich die Arbeit am (noch) lebenden Patienten, erst später kommt. Jedenfalls geht es darum, die Studenten zu involvieren und allgemein ihr Bewußtsein zu schärfen. Die Betonung müsse auf der Selbstentdeckung vor der Präsentation in der Vorlesung liegen (discovery instead of "on the plate").

Auch später wurde betont, dass es die unterschiedlichsten Arten des Lehrens und Prüfens gebe. Als Beispiele wurden neben den bekannten moot courts und der Nachstellung von Verhandlungssituationen noch genannt: Gruppenexamen, das Führen eines Lerntagebuchs, Aufsätze schreiben. Erwähnenswert erscheint mir insoweit noch eine Stellungnahme, in der verlangt wurde, dass die Lehrenden die Ziele ihrer jeweiligen Veranstaltung, die verwendeten Methoden und die Art der späteren Prüfung vorher bekannt geben (advertise).


Freitag, 19. März

Vortrag Richard Wilson, "Similarities and differences in Legal Education in Europe and the U.S."

In typisch u.s.-amerikanisch entspannter Art hielt Richard Wilson einen Vortrag zu den Unterschieden in der us.-amerikanischen und europäsichen Juristenausbildung. Dabei betonte er gleich zu Anfang, dass er nach dem bisherigen Verlauf der Konferenz durchaus wisse, dass es keine homogene Juristenausbildung in Europa gebe. Dennoch versuchte er anschließend, einige zentrale Punkte darzustellen. Dabei ging er von einem Aufsatz von John Merryman aus, der als fundamentalen Unterschied zwischen Europa und den USA die Tatsache beschreibt, dass das Jurastudium in den USA post-graduate (versus undergraduate in Europa) ist.

In den Vereinigten Staaten geht man zur law school erst nach dem Erwerb eines LL.B. in einem 4jährigen Studium, das im Prinzip keine rechtswissenschaftlichen Inhalte hat. Bewerber für die in aller Regel sehr teure law school (im Schnitt Studiengebühren von jährlich 30.000 US-$) müssen extrem gute Abschlüsse vorweisen, um angenommen zu werden. Sie sind im Schnitt 23 Jahre alt und häufen in den drei Jahren law school ca. 91.000 US-$ Schulden an (in den private law schools, in den öffentlichen 60.000 US-$). Kein Wunder also, dass immer mehr von ihnen anschließend in die big business law firms streben, um diese Schulden zurückzahlen zu können. Während 1960 noch ca. 55% Einzelkämpfer ca 45% corporate lawyers gegenüberstanden, sind es nach neueren Untersuchungen jetzt 65% corporate lawyers. Wer es in die big firms schafft, kann dafür mit einem Anfangsgehalt von 160.000 US-$ (!) rechnen (und seine Schulden alsbald tilgen). Im ersten Studienjahr der law school werden die Pflichtfächer gelehrt (Deliktsrecht, Vertragsrecht, Sachenrecht, Prozessrecht, Verfassungsrecht, Strafrecht). Ab dem zweiten Jahr können die Studenten aus hunderten von angebotenen Kursen wählen. Die Wahl wird allerdings durch das anschließende bar exam nicht unerheblich beeinflusst. Dies verlangt in aller Regel (lokale Unterschiede) Wissen in corporate law, tax law, evidence, legal practise. Danach praktizieren junge Juristen als Anwälte. Richter können sie dagegen und im Unterschied zu uns erst nach langjähriger und erfolgreicher Karriere als advocate werden.

Weil es in den USA kein Referendariat gebe, werde während der Ausbildung in der law school viel Wert auf die legal clinic gelegt. Vergleichbar den klinischen Semestern im Medizinstudium würden seit etwa 20 Jahren in curricularen Angeboten die Studenten unter der Aufsicht eines Professors echte Fälle mit echten Klienten bearbeiten. Sie stehen neben dem Professor, finden mit ihm die Lösung des Problems und diskutieren sie mit ihm.

Wilson wies ferner noch auf einige Gemeinsamkeiten zwischen den USA und Deutschland hin. Zum einen gebe es auch in den USA "too many lawyers". 44% der Anwälte seien unter 45 Jahren alt. Auch der Anteil von Frauen erhöhe sich. Diese drängten mehr und mehr in den Beruf und würden künftig das Gesicht des Rechtssystems nachhaltig verändern. Im Moment seinen 95% (!) der werdenden Richter Frauen. Schließlich erwähnte Wilson noch, dass die Ausbildung an den amerikanischen Universitäten sich vieles von deutschen Universitäten (und weniger vom "Mutterland" England) abgeschaut habe.

Bericht über die Arbeitsgruppen: "Lessons learned and steps ahead"

Anschließend wurden die Ergebnisse der verschiedenen Workshops vom Vortag kurz zusammengefasst. Hervorgehoben wurde, dass der Bologna-Prozess keine Implikationen für die im Studium vermittelten Inhalte habe und auch keinen engen formalen Rahmen setzen wolle. Fraglich sei, ob es überhaupt um gemeinsame Standards in Europa gehe.

Die Workshops hätten - so die Berichterstatter - ergeben, dass eine bessere pädagogische Ausbildung der Lehrenden sinnvoll und zu fordern sei, die einzelnen Ausbildungsabschnitte müssten klare Ziele vor Augen haben und die gewählten Methoden müssten dazu passen. Nur begrenzt könne die Universität und müsse eben auch die Praxis die Kommunikationsfähigkeit der späteren Juristen, ihr Eingehen auf die Bedürfnisse der Klienten und das Verstädnis des Kontextes fördern. Wichtig sei das Handwerkszeug und die zunehemende Bedeutung von moot-courts, e-learning und Nachstellung von Verhandlungssituationen. Das Jurastudium müsse zunehmend eine internationale und rechtsvergleichende Perspektive einnehmen. Schwierigkeiten des Bologna-Prozesses lägen in der Sprachbarriere, in der Anerkennung von Leistungen im Ausland und in der Unterfinanzierung. Offene Fragen seien trennscharfe Unterscheidungen zwischen dem, was Grundwissen und -fähigkeiten seien und was Detailkenntnisse, auf welchen späteren Beruf das Jurastudium eigentlich ausgerichtet sein soll und ob und welche Zugangsbeschränkungen für juristische Berufe und/oder das Studium eigentlich bestehen sollten.

Abschlussdebatte über die These: "The Bologna process is the opportunity for the overdue modernization of Legal Education"

Obschon sich die Reihen der Teilnehmer am zweiten Tag schon deutlich gelichtet hatten, wurden die Teilnehmer vor dem Beginn der Podiumsdiskussion um Abstimmung gebeten, ob sie der im Titel genannten These zustimmen könnten. 56 : 16 meinten, ja, der Bologna-Prozess sei in der Tat die Gelegenheit für eine überfällige Modernisierung der Juristenausbildung. Anschließend trugen zwei Professoren und zwei Studenten ihre Argumente pro und contra diese These vor. Laurence Gormley aus Groningen meinte, der Bologna-Prozess sei eine Gelegenheit und keine Bedrohung. Ihm stimmte Laura Schmitt zu, die Wert auf die Erweiterung von Wahlmöglichkeiten legte. Die Contra-Seite wurde von Arad Reisberg vom University College, London, vertreten. Er meldete schon Zweifel am Begriff der Modernisierung an und meinte, der Teufel stecke jedenfalls im Detail. Der Bologna-Prozess sei insoweit bedeutungslos, gebraucht werde eine politische Antwort, der sich die Politiker, die sich nur alle zwei Jahre träfen, aber verweigerten. Jakub Czech, Student der Universität Prag, schlug in eine ähnliche Kerbe: Die nationale Juristenausbildung sei zu unterschiedlich, was einer erhöhten Mobilität der Studenten prinzipiell im Wege stehe. Der Bologna-Prozess könne daher seine eigentlichen Ziele nicht erreichen und ein Mehrwert sei nicht erkennbar. Nach der Diskussion wurde erneut abgestimmt, das Ergebnis diesmal 64 : 32 für die Eingangsthese. Damit war der internationale Teil der Konferenz beendet.


Diskussion für die deutschen Teilnehmer

Nach dem Mittagessen trafen sich noch einmal die deutschen Teilnehmer, um über die Ergebnisse der Konferenz zu debattieren. Sehr informativ war dabei das Impulsreferat von Harald Schomburg, vom INCHER in Kassel. Er stellte eine aktuelle Absolventenbefragung vor, deren Ergebnisse bislang noch nicht veröffentlicht sind. Befragt wurden 1,5 Jahre nach Studienabschluss ca. 35.000 Absolventen aus 41 Universitäten und verschiedensten Studiengängen in Deutschland nach ihrer Zufriedenheit mit Einzelaspekten des Studiums.

Das Ergebnis im Wege eines Rankings für die Juristen:

  1. Ausstattung
  2. Studienorganisation
  3. Lehrinhalte
  4. Beratung
  5. Methodenvermittlung
  6. Praxisbezug
  7. Fremdsprachenvermittlung
  8. Karrierebezug

Als gut wurden Ausstattung und Organisation eingeschätzt, die Werte für Inhalte, Beratung und Methodenvermittlung lagen eher im gelben Bereich, die rote Karte bekamen Praxisbezug, Fremdsprachenvermittlung und Karrierebezug des Studiums.

Dieses Ranking erhält natürlich noch nicht aus sich selbst heraus eine Bedeutung, sondern erst im Vergleich mit den Bewertungen anderer Studiengänge durch die Absolventen. Und hier zeigte sich Erstaunliches: Insbesondere Studienberatung, Methodenvermittlung und Praxisbezug ihres Studiums wurden von den Juraabsolventen signifikant schlechter bewertet als von den Absolventen anderer Studiengänge.

Die Bedeutung der privaten Repetitorien sei nach wie vor groß. Ca. 84% aller Studenten bereiteten sich zumindest auch mit Hilfe eines privaten Repetitors auf das Staatsexamen vor.

Schließlich stellte Homburg noch die letzte repräsentative internationale Umfrage (von 1999) vor. Beteiligt waren Absolventen aus 12 Ländern, darunter 2.700 deutsche Studenten, immerhin noch 200 deutsche Jurastudenten. Die deutschen Jurastudenten zeigten sich dabei als besonders unzufrieden mit ihrer Ausbildung. Nur 20% waren insgesamt zufrieden, verglichen mit ca. 76% im Vereinigten Königreich. Mit der Lehre zeigten sich in Deutschland nur 23% zufrieden (UK 66 %), mit der Beratung 6 % (UK 50 %), mit dem Praxisbezug 2% (UK 30%). Schomburg betonte, alle diese Ergebnisse seien seit über 30 Jahren bekannt und hätten sich im Zeitverlauf nicht geändert. Im Übrigen beträgt die gesamte (durchschnittliche) Ausbildungsdauer für Juristen in Deutschland 8,4 Jahre (und liegt damit nur leicht über dem europäischen Schnitt von 8 Jahren). Allerdings braucht man im Vereinigten Königreich nur 6,6 Jahre.

Diese Ergebnisse zog in der anschließenden Diskussion insbesondere Ulrich Stelkens in Zweifel mit dem nicht (zumindest mich nicht) überzeugenden Argument, es seien ja alle befragt worden, man solle aber lieber die befragen, die mit einem Prädikatsexamen abgeschlossen hätten, dann würden die Ergebnisse wahrscheinlich abweichen. Das mag ja sein, Stelkens vergißt jedoch, dass hier insbesondere Vergleichsergebnisse vorgelegt wurden. D.h. bei den anderen Studiengängen wurden ja auch alle befragt. Das die Bewertung eines Studiums durch die Erfolgreichen natürlich besser ausfällt als bei den Übrigen, besagt insoweit überhaupt nichts. Viel spannender ist es zu sehen, dass in bestimmten Bereichen die Juristen eben besonders unzufrieden sind. Dies zeigte sich auch bei einer näheren Betrachtung der Lehre: Der Inhalt wurde recht positiv bewertet, didaktische Aspekte hingegen eher negativ (auch im Verhältnis zu anderen Studiengängen).

Barbara Dauner-Lieb verwies darauf, dass die schlechte Bewertung selbstverständlich auch mit den heutigen Gegebenheiten der Massenuniversität zusammenhänge. Ferner bestand erneut Einigkeit zwischen den Diskussionsteilnehmern, dass das Staatsexamen nicht abgeschafft werden dürfe. Insbesondere die sehr unterschiedlichen (Durchschnitts-)Benotungen in den Schwerpunktbereichsprüfungen (sogar innerhalb einer einzelnen Universität je nach gewähltem Schwerpunkt) bestätigten die Befürchtung, dass es ansonsten zu einem race to the bottom käme, bei der die Studenten eben nicht das Studium an der Universität mit dem besten Ruf, sondern an der mit den besten Noten wählten.


Fazit

Eine insgesamt recht bunte und intensive Tagung, bei der man sich einen Überblick über die unterschiedlichen Perspektiven aus einer ganzen Reihe von Ländern verschaffen konnte und bei der - natürlich aus meiner ganz subjektiven Sicht - drei Dinge besonders deutlich hervortraten.

  1. Es gibt nicht das eine richtige Konzept zur Ausbildung von Juristen, sondern schon innerhalb Europas eine sehr bunte Vielfalt in den Methoden. Sehr wohl aber scheint es ein einheitliches Ziel der Ausbildung zu geben: Der Jurist sollte sein Rechtssystem kennen, ohne dafür Detailkenntnisse zu benötigen. Er sollte vor allem in der Lage sein, wie ein Jurist zu denken und Rücksicht auf die Folgen seines Handelns nehmen können. Und er sollte in der Lage sein, das was er denkt, mündlich und schriftlich einwandfrei zu kommunizieren.
  2. Der Bologna-Prozess ist eben das -- ein Prozess. Und er steht in der Juristenausbildung einerseits noch ganz am Anfang, scheint sich aber andererseits langfristig kaum aufhalten zu lassen.
  3. Die Juristenausbildung benötigt in Deutschland mehr von dem, wofür wir momentan nicht genügend Mittel haben, und mehr nichtjuristische Allgemeinbildung bzw. Reflexion: Unmittelbarer Kontakt der Lehrenden zu den Studierenden, Methodenvielfalt in der Lehre und die Schärfung des Bewußtseins unserer Studenten für internationale, ökonomische und psychologische Zusammenhänge der Jurisprudenz.