Referate in selbstgesteuerten Lerngruppen

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Autorin: Sara Becker


Kontext

Eine wesentliche Schlüsselkompetenz, die im Rahmen eines sozialwissenschaftlichen Studiums vermittelt werden soll, ist die Fähigkeit, mündlich zu präsentieren. Jede Absolventin und jeder Absolvent der Sozialwissenschaften soll spätestens mit dem Abschluss des Studiums in der Lage sein, einen wissenschaftlichen mündlichen Vortrag strukturiert und rhetorisch ansprechend zu halten sowie ggf. unterstützend zu visualisieren (PowerPoint, Prezi etc.).

Problem

In der Fernlehre herrschen erschwerte Bedingungen für das Einüben dieser zentralen Schlüsselkompetenz, da sich die Studierenden größtenteils individuell ihre Studienmaterialien erarbeiten und sich nur wenige Gelegenheiten zum mündlichen Präsentieren ergeben. Aus Gründen der Vereinbarkeit mit Familie und Beruf ist die verpflichtende Teilnahme an synchroner Lehre in Form von Präsenzseminaren und/oder Online-Seminaren im Fernstudium auf ein Minimum beschränkt. Um die Fähigkeiten des mündlichen Vortragens jedoch stetig zu verbessern, ist ein regelmäßiges Einüben dieser Kompetenz notwendig.

Lösung

Um das regelmäßige Einüben mündlicher Präsentationen im Fernstudium dennoch zu ermöglichen, bietet es sich an, mündliche Präsentationen (teilweise) aus dem Seminargeschehen auszulagern. Hierfür eignen sich selbst organisierte studentische Lerngruppen, in denen sich die Studierenden in regelmäßigen Abständen (z.B. alle zwei Monate) physisch oder virtuell treffen. In den Lerngruppen können die Studierenden regelmäßig mündliche Präsentationen halten, die von ihren Mitstudierenden anhand eines Kriterienkatalogs im Rahmen eines Peer-Assessment bewertet werden. Den Kriterienkatalog legende entweder die Lehrenden fest oder er wird gemeinsam mit den Studierenden erarbeitet. Letzteres erhöht die Akzeptanz der Bewertungskriterien, kostet jedoch deutlich mehr Zeit. Die schriftliche Ausarbeitung der Vorträge und ggf. die Folien bewerten die Lehrenden. Die Gesamtbewertung setzt sich schließlich (in einem von den Lehrpersonen zu bestimmenden Verhältnis) aus der mündlichen Note des Peer-Assessments und der schriftlichen Note der Lehrenden zusammen.

Stolpersteine

Regelmäßige, selbst organisierte Treffen in Lerngruppen setzen seitens der Studierenden ein hohes Maß an Selbstorganisationsfähigkeit, intrinsischer Motivation und Selbstdisziplin voraus. Daher ist diese Lernform eher für Studierende in fortgeschrittenen Semestern geeignet. Wenn sich die Studierenden physisch treffen sollen/wollen, müssen die Lerngruppen nach geographischen Gesichtspunkten zusammengestellt werden, was wiederum eine gewisse Mindestanzahl an Modulteilnehmenden voraussetzt. Des Weiteren kann bei physischen Treffen die Raumfrage zum Problem werden. An der FernUniversität in Hagen können sich Lerngruppen physisch z.B. in den Regional- und Studienzentren treffen. Für virtuelle Lerngruppen ist die Software Adobe Connect verfügbar.

Vorteile

Die studentischen Lerngruppen bieten einen geschützten Raum, in dem die Studierenden ihre mündlichen Präsentationsfähigkeiten ausprobieren und verbessern können. Die Lerngruppen ermöglichen das regelmäßige Einüben mündlichen Präsentierens. Die Studierenden werden in ihrer Selbstorganisationsfähigkeit herausgefordert und gestärkt. Die Anforderung der Erstellung eines nachvollziehbaren Peer-Assessments zwingt alle Beteiligten zu grundlegender Ernsthaftigkeit – die vortragende Person, weil sie weiß, dass ihr Vortrag bewertet wird, die Zuhörenden, weil sie sich intensiv auf den Vortrag konzentrieren müssen, um ihn angemessen bewerten zu können.

Nachteile

Die Auslagerung von mündlichen Vorträgen aus dem Seminargeschehen in studentische Lerngruppen ist für die Lehrenden mit einem gewissen Kontrollverlust verbunden. Sie müssen darauf vertrauen, dass die Aufforderung zu selbstorganisierten Treffen seitens der Studierenden ernst genommen und umgesetzt wird. Darüber hinaus müssen die Lehrenden auf ein möglichst objektives Peer-Assessment vertrauen. Eine klare Rückbindung der studentischen Lerngruppe an das übergeordnete Seminargeschehen ist daher notwendig. Die Kriterien für das Peer-Assessment sollten von den Lehrenden erläutert werden und die Studierenden können ggf. aufgefordert werden, Protokolle ihrer Treffen anzufertigen.

Praxisbeispiel: Referate in selbstgesteuerten Lerngruppen in einem weiterbildenden Masterstudiengang

Bei der Konzeption ihrer Curricula sind mehrere Anbieter berufsbegleitender Studienangebote dazu übergegangen, studentische Referate (größtenteils/überwiegend) in selbstorganisierte studentische Lerngruppen auszulagern. Wie das konkret aussehen kann, wird im Folgenden am Beispiel eines berufsbegleitenden Masterstudiengangs an einer großen deutschen Universität geschildert: Die studentischen Lern- bzw. Referatsgruppen haben eine Größe von drei bis sechs Studierenden. Die Studierenden bilden die Lerngruppen selbständig nach geographischen oder inhaltlichen Aspekten (z.B. ähnliches berufliches Tätigkeitsfeld). Sie treffen sich mindestens 60 Stunden während des Studiums zur Nachbereitung und praktischen Anwendung des theoretisch erlernten Stoffs und zu Referatspräsentationen. Die Studierenden müssen die einzelnen Treffen protokollieren und am Ende des Studiums einen 15seitigen Reflexionsbericht einreichen, den die Lehrenden benoten. Die Referate werden von den anderen Studierenden in der Lerngruppe anhand eines vorgegebenen Bewertungsrasters benotet (Peer-Assessment). Die Bewertungsbögen und die ermittelte mündliche Note übermitteln die Lerngruppen den Lehrenden, die letztlich die Gesamtbewertung des Referats vornehmen. Neben dem mündlichen Vortrag fließen das schriftliche Vortragsmanuskript und die Visualisierung in die Note mit ein. Die Gewichtung der im Peer-Assessment vergebenen mündlichen Note variiert zwischen den Lehrenden; in den meisten Fällen wird die mündliche Note mit 25% gewichtet. Die Verlagerung der Referate in die Lerngruppen bedeutet insofern einen Kontrollverlust für die Lehrenden. Sie können sich nicht selbst von der Qualität des mündlichen Vortrags überzeugen, sondern sind auf die Bewertung durch die Peers angewiesen, die möglicherweise aus Sympathiegründen o.ä. verzerrt sein kann. Allerdings handelt es sich bei dem Studiengang um einen Weiterbildungsstudiengang mit Studierenden, die alle bereits über einen ersten akademischen Abschluss sowie Berufserfahrung verfügen, sodass ihnen die Fähigkeit zu einer möglichst objektiven Einschätzung zuzutrauen ist. Studierende bewerten den Aspekt des „geschützten Rahmens“ zum Einüben sehr positiv – insbesondere Studierende, deren Erststudium bereits sehr lange zurückliegt und die sich erst wieder mit wissenschaftlichen Arbeitsweisen vertraut machen müssen. Die Problematik des möglichen Kontrollverlusts seitens der Lehrenden (oder positiv gemünzt: der den Studierenden gewährte Vertrauensvorschuss) wird von den Weiterbildungsstudierenden als sehr positiv empfunden, weil sich darin eine gewisse Wertschätzung für die bereits „mitten im Leben stehende“ Zielgruppe (Beruf, Familie) ausdrückt. Insgesamt ist die Verlagerung der mündlichen Vorträge in die studentischen Lerngruppen ein guter Kompromiss, um relativ viele mündliche Beiträge der Studierenden im Verlauf eines Fernstudiums zu ermöglichen, ohne dabei die Präsenzseminare zu sehr mit Referaten zu überfrachten.

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