Lesetechniken

Autorin: Dr. Kathrin Loer (kathrin.loer@fernuni-hagen.de)

Kontext

Das politikwissenschaftliche Studium lebt von fachlicher Textlektüre. Die fachwissenschaftliche Diskussion, an der sich Studierende mündlich und schriftlich rege beteiligen sollen, unterscheidet sich von alltäglichen (politischen) Diskussionen: Die fachwissenschaftliche Diskussion stützt sich auf theoretische und empirische Forschung, die in Texten erschlossen werden muss. Sie stützt sich nicht auf Zeitungslektüre oder das Verfolgen von Nachrichten über unterschiedliche Medien und Kanäle. Dies kann eine Ergänzung sein, um das alltägliche politische Geschehen zu verfolgen, im Mittelpunkt steht jedoch die Lektüre von Fachtexten. Das Verständnis politikwissenschaftlicher Themen und Fragestellungen setzt daher voraus, dass sich Studierende ein breites Spektrum an Fachtexten als Grundlage erarbeiten und sich mit diesen und mit weiterführenden Texten kritisch auseinandersetzen.

Problem

In der politikwissenschaftlichen Hochschullehre kommt es häufig zur Differenz zwischen Erwartungen der Lehrenden, die das Studium bestimmter Texte voraussetzen, und dem tatsächlich Leseverhalten der Studierenden. Wenn das gewünschte und benötigte Textverständnis fehlt, kann dies daran liegen, dass die Studierenden nicht über die passenden individuellen Strategien verfügen, um diese Textmengen zu bewältigen. Heterogen und einflussreich sind die Vorerfahrungen von Studierenden mit Fachtexten und die Vertrautheit mit dem Fachthema. Beides ist entscheidend dafür, wie erfolgreich die Studierende mit Texten arbeiten. Von beidem hängt auch ab, wie schnell ein Text gelesen wird, wie groß die Gefahr der Ablenkung oder des Abbruchs ist, wie viel der oder die Lesende versteht und wie gut er oder sie die wesentlichen Inhalte eigenständig wiedergeben kann.

Lösung

Die Vermittlung von Lesetechniken kann – vor allem im Bachelor-Studium – entscheidend sein, um in Lehrveranstaltungen auch über Texte diskutieren zu können. Lesetechniken müssen allerdings trainiert werden. Der Trainingserfolg ergibt sich aus guter Trainingsanleitung und disziplinierter regelmäßiger Durchführung. Das gilt auch für das Lesen von Fachlektüre. Notwendig für die Lesenden sind gute Trainingstipps. Die Vermittlung von Lesetechniken lässt sich in lektürebasierte Seminare einbauen. Dabei steht ein breites Spektrum an Techniken zur Verfügung, das von Strategien zur Orientierung im Text (z.B. „Überfliegen“, kursorisches Lesen) über Techniken zur Reproduktion von Texten (z.B. Lesen mit Markierungen, selektives Lesen) bis hin zu produktiven Lesetechniken (z.B. kritisches Lesen, suchendes Lesen, vergleichendes Lesen, kreative Lesestrategien etc.) reicht. Die Anleitung kann entweder mündlich mit einigen schriftlichen Hinweisen in der Lehrveranstaltung erfolgen (z.B. immer zum Einstieg in eine Sitzung) oder aber ausschließlich schriftlich in einer elektronischen Lernumgebung (z.B. Moodle-Lernumgebung, Stud.ip o.ä.). Darüber hinaus können auch direkte Verknüpfungen zu Schreibübungen hergestellt werden, damit das Gelesene von den Studierenden eigenständig verarbeitet wird. Dies kann beispielsweise ausgehend von Exzerpten erfolgen, die auf Basis von Leseübungen erstellt und schließlich für die eigene Formulierung von Texten (später: Haus- und Abschlussarbeiten) genutzt werden. Wie intensiv einzelne Leseformen vermittelt werden, hängt von der Studierendengruppe und ihren Bedürfnissen ab. Die Auswahl der Leseübungen variiert zudem in Abhängigkeit von den Textgattungen, die für die jeweilige Fachdisziplin relevant sind. Je nach Einbau der Leseübungen in die Veranstaltung können die „Leseprodukte“ beispielsweise auch als Grundlage für die Vergabe von ECTS-Punkten genutzt werden. Insbesondere in Bachelor-Studiengängen bietet es sich an, Übe-Routinen zudem in die Lehrveranstaltung einzubauen, also gesonderte Phasen in den Sitzungen dafür vorzusehen. Vor allem einzelne wesentliche Passagen aus Pflichttexten für die Lehrveranstaltung können Gegenstand einer solchen Übung sein, die sich zum Beispiel auf die Methode diskursiver oder reziproker Lesestrategien stützt. So können beispielsweise ausgewählte Abschnitte in Kleingruppen mit vorgegebenen Fragemustern und verteilten Aufgaben gelesen werden, um anschließend darüber zu diskutieren. Damit stellt der/die Lehrende sicher, dass sich alle TeilnehmerInnen einen Sachverhalt oder eine Theorie erarbeitet haben.

Stolpersteine

Eine ausschließliche online-Vermittlung von Lesetechniken erfordert eine hohe Disziplin und Arbeitsbereitschaft der Lernenden. Zudem können dadurch direkte Nachfragen erschwert sein. Sofern die Übung mit vermittelten Lesetechniken nicht dazu führt, dass die Studierenden für ihre Übungs-Ergebnisse (anteilige) Leistungspunkte bekommen, handelt es sich um eine zunächst zeitintensive Zusatzaufgabe Außerdem: Wenn guter Wille der Studierenden, passende Lesepakete und die Vermittlung von Übe-Routinen nicht dabei helfen, dass Studierende das Lesepensum bewältigen, dann sollten sie (zusätzlich) Angebote zum Zeitmanagement wahrnehmen.

Vorteile

Die erfolgreiche Vermittlung von Lesetechniken führt zu besserem Textverständnis. Damit trägt diese didaktische Komponente dazu bei, dass a) Inhalte mit bleibendem Effekt vermittelt werden können und b) die Qualität der Diskussionen in der Lehrveranstaltung zunimmt. Wenn Studierende bereits bemerkt haben, dass ihnen die Lektüre schwerfällt, kann die offensive Auseinandersetzung mit dem Problem auch zum Studienerfolg beitragen: Den Studierenden wird bewusst, dass es sich um kein außergewöhnliches Problem oder individuelles Defizit handelt, sondern Übung notwendig ist. Die zusätzlichen Übungen und entsprechende Trainingseffekte können somit zum gesamten Studienerfolg beitragen.

Nachteile

Nicht nur die Bewältigung von größeren Mengen an Lektüre, sondern auch andere Aufgaben im Studium erfordern ein gutes Zeitmanagement. Dies gilt insbesondere bei Fernstudierenden. Als eine übergreifende Herausforderung hat dies allerdings nicht spezifisch mit der Vermittlung fachlicher Grundlage über wissenschaftliche Lektüre zu tun, sondern entwickelt sich idealerweise durch ein hohes Engagement der Studierenden und Hilfestellungen. Die Vermittlung von Lesetechniken steigert den Aufwand für die Lehrenden. Sie müssen sich intensiv mit unterschiedlichen Varianten auseinandersetzen und die Studierenden passend anleiten. Unter Umständen kann die Berücksichtigung von Übe-Routinen viel Zeit in Anspruch nehmen, die auf Kosten der inhaltlichen Arbeit genutzt wird.

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Zuletzt geändert am 16. März 2017 um 17:29