Politisches Kabarett

Aus zeitgeschichte
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Deutsches Kabarett in den 60er Jahren

DDR-Kabarett

Kabarett (nicht Comedy und bitte deutsche Aussprache, nicht "Cabaret", da sind politische Kabarettisten heute empfindlich) soll Satire sein, kurz gesagt: politisch motivierte Kritik an herrschenden Zuständen. Namen wie Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Walter Mehring, Erich Weinert, Klabund, Piscator, Ernst Busch u. v. a. gelten als seine Urväter in Deutschland. Selbst Bertold Brecht war ein Streiter für die "Zehnte Muse", die sich politisch stets links orientiert. Im Prinzip hat das DDR-Kabarett ihm in den 50er Jahren seine Existenz zu verdanken. "Bertolt Brecht wies auf die ideologische Bedeutung der kleinen künstlerischen Form des politischen Kabaretts hin" [1] und so

"hat sich die Kabarettentwicklung in der DDR, trotz einiger Widersprüche, kontinuierlich vollzogen. Anfangs gab es Schwierigkeiten mit der Satire, […], weil sich der Satiriker hier in grundsätzlicher Übereinstimmung mit den Zielen der Gesellschaft und des Staates befindet […] Hinzu kam die Forderung nach »positiver« Satire, wobei […] völlig außer acht gelassen wurde, dass Satire stets aus der Verneinung des Bestehenden erwächst." [2]

Außerdem gab es eine schier unüberschaubare, aber sehr kreative – weil selbst schreibende - Bewegung des "volkskünstlerischen Kabarettschaffens". Bereits 1953 "konnte die erste Konferenz der Laienkabaretts stattfinden." [3] Bis zum Ende der DDR war Kabarett auch durch die Anbindung an die kulturellen Aktivitäten der Arbeitsstätten und Großbetriebe ein allgegenwärtiger, etablierter Bestandteil der DDR-Kulturlandschaft. Seine Stärke lag in der stillen Vereinbarung mit dem Publikum, Kritik "zwischen den Zeilen" lesbar zu machen. (Man könnte das ‚subversiv’ nennen, aber Kabarett in der DDR wollte das System nicht abschaffen, sondern verbessern, muss also als staatstreu bezeichnet werden.)

Strukturell handelte es sich bei den staatlichen Berufskabaretts um Ensemble-Kabaretts, deren Akteure ausgebildete Schauspieler waren, für die Kabarettautoren die Texte schrieben. Freiberufliche Kabarett-Solisten wie in West-Deutschland gab es bis zur Gründung der Sektion Kabarett durch Gisela Oechelhaeuser [4] beim Komitee für Unterhaltungskunst in den 80er Jahren nicht.

An dieser Stelle sei vermerkt, dass die Direktoren der staatlichen Kabaretts wie "Distel", "Pfeffermühle" oder "Herkuleskeule" bis zum Ende der DDR stets Gefahr liefen, ihren Posten zu verlieren, was an einer langen Liste wechselnder Chefs abzulesen ist. Rainer Otto, einst Dramaturg der Distel, heute noch Kabarettautor, kann – bei Bedarf - Auskunft geben, welche Verrenkungen nötig waren, um Symptomkritik nicht als Systemkritik angerechnet zu bekommen und ein Verbot des Textes zu umgehen. [5] Textbeispiele für die These, dass die Texte den jeweiligen Vorgaben der SED angepasst wurden, müssten noch recherchiert werden.

Kabarett BRD

Um es voraus zu schicken: die Münchner "Lach- und Schießgesellschaft" oder die Berliner "Stachelschweine" und "Wühlmäuse" mit Akteuren wie Dieter Hildebrandt, Wolfgang Gruner oder Dieter Hallervorden zählen zu den angepassten Kabaretts der 60er Jahre, da sie die SPD offen unterstützten. (Man muss in diesem Zusammenhang die Parteigeschichte der SPD beleuchten, ihre Wandlung von einer marxistischen Arbeiterpartei zur Volkspartei (Godesberger Programm 1959), die Regierungsbeteiligung in der ersten Koalition (1966-69), unter der die Notstandsgesetze verabschiedet wurden, was u. a. zu den APO-Aktionen und Studentenrevolten führte).

Aus dem Missmut über diese Angepasstheit keimte die Blüte des politischen – links gerichteten, auf den Wurzeln des Agit-Prop aufbauenden – Kabaretts der 60er Jahre. Hier beschränke ich mich auf Solokabarettisten (auch wenn Liedermacher wie Hans-Joseph Degenhardt, Dieter Süverkrüp (Wolf Biermann im Osten) Seite an Seite mit ihnen die Protestkultur jener Zeit beflügelten) – z. B.

Hanns Dieter Hüsch – mit hochpolitischen, aber immer lyrischen Texten [6] (gegen Atombombe, gegen Neonazismus, über die Ermordung Martin Luther Kings, Rudi Dutschkes, über Zusammenhänge zwischen Gewalt und Machtsystemen, faulem und echtem Frieden)

Dietrich Kittner – ein proletarischer Aufklärer [7] (DDR-Freund, politische Großveranstaltungen gegen Notstandsgesetze)

Und vor allem: - Wolfgang Neuss (drehte Anfang der 60er Filme "Wir Kellerkinder", "Genosse Münchhausen"), eröffnete 1963 das Kabarett "Dominzil" in West-Berlin, dort ging er mit

"all jenen Tabus der Zeit ins Gericht […]: der Ignorierung der Eigenstaatlichkeit der DDR, dem Wiedervereinigungs-Pathos, aber auch mit der reformistischen Richtung weg von Marx, die die SPD eingeschlagen hatte"[8]

Er wandte sich gegen die Springer-Presse (z. B. gegen deren Kampagne, für Medikamente für die amerikanischen Soldaten in Vietnam Geld zu spenden), er solidarisierte sich mit der APO so radikal, dass es 1966 Attacken physischer Gewalt gegen ihn gab. Mit Hannelore Kaub, verfasste er 1966 einen "Vietnam-Report", 1967 reflektierte er von der Brettlbühne den Putsch in Griechenland, die Ermordung Benno Ohnesorgs während der Demonstration gegen den persischen Schah oder das damalige Tabuthema Homosexualität. Er arbeitete mit 'Textern' wie Thierry und Enzensberger, er wurde von der DDR teils hofiert, von Ulbricht andererseits behindert. Der Kabarettist Martin Buchholz bezeichnet Wolfgang Neuss heute als Symbolfigur, wenn man über Kabarett im Zusammenhang mit Kulturrevolution der 68er spricht. [9]

Neben den Kabarettsolisten, gab es herausragende Ensembles des politischen Agit-Prop-Kabaretts – die sogar in der DDR-Presse rezensiert wurden. Dabei muss hier auch bemerkt werden, dass die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten die Programme dieser Ensembles zwar gelegentlich ausstrahlten, dann aber radikal nach ihren Prämissen kürzten und zensierten.

  • 1965 Münchener Rationaltheater (vgl. Budzinski S. 231-235) - (Brutalisierung der Verteilungs- und Machtkämpfe, radikalisierte Jugend, Auftritte vor Häftlingen)
  • 1965 Bügelbrett Berlin (Hannelore Kaub) (vgl. ebenda S. 244-251) (Bildungsnotstand gleich Wirtschaftsnotstand, Nord-Süd-Konflikt)
  • 1966 Floh de Cologne (Köln) (vgl. Ebda. S. 257-263) (Schock als künstlerisches Mittel, Fäkalsprache, Kritik an Raubcharakter des kapitalistschen Systems)
  • 1966 Das Reichskabarett (Berlin) (vgl. ebda S. 251-257) (Programm enthielt 27 Nummern zum Vietnamkrieg, Theaterkassen verweigerten Kartenvorverkauf, Senat strich Zuschüsse)
  • 1966 Machtwächter (Köln) (vgl. ebda S. 263-266) (gegen Nazi Kiesinger und NPD, aber auch DDR-Lob wegen Bildung- und Sozialwesen)

Diese Ensembles lösten sich in den 70er Jahren auf. Das Kabarett im Westen wurde ähnlich beliebig wie das in der DDR.

Literaturverzeichnis

  1. Hösch, Rudolf, Kabarett von gestern und heute nach zeitgenössischen Berichten, Kritiken, Texten und Erinnerungen, Band II: 1933-1970, Henschelverlag Berlin 1972, S. 379 ff.
  2. Deißner-Jenssen, Frauke (Hrsg.) "Die Zehnte Muse", Kabarettisten erzählen, S.551 ff. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1982
  3. Hösch, Rudolf, S. 379
  4. G.O. war vor der Wende glühende Gorbatschow-Anhängerin, verheiratet mit dem letzten DDR-Kulturminister Dietmar Keller; nach der Wende Chefin der "Distel", wurde 2002 als IM entlarvt und entlassen. Arbeitet noch immer als Kabarettistin.
  5. vgl. Budzinski, Klaus "Pfeffer ins Getriebe", Universitas Verlag, München, 1982, S. 278-285 ff.
  6. vgl. ebenda S. 266-270
  7. vgl. ebenda S. 270-273
  8. vgl. ebenda S. 235-239
  9. vgl. ebenda S. 235-239

Mir liegen alle Jahrgänge der DDR-Zeitschrift "Artistik – internationales fachblatt für varieté – zirkus – kabarett" vor, in der man sehr gut die Instrumentalisierung aller Unterhaltungsgenres nachvollziehen kann. Exemplarisch verweise ich auf folgende Texte:

Jahrgang 1961 (nach Mauerbau, 13.8.1961)

  • 9/1961
    • S. 2 "Kabarett und Arbeiterklasse" von H. H. Krause, Direktor der "Distel"
    • S. 1. Ein Leitartikel u. a. zu den Kommunalwahlen vom 17. September 1961, in dem es auch um die Forderung nach einem Friedensvertrag für Deutschland geht!
  • 11/1961, S. 1, Gedanken zum XXII. Parteitag der KPdSU – Begründung des Mauerbaus

Jahrgang 1964

  • Beilage zur Zeitschrift "Artistik": Informationen des Ministeriums für Kultur, Sektor Veranstaltungswesen, Inhalt: "Von der Verantwortlichkeit des gesprochenen Wortes" und "Schreit die Zeit nach Satire?" - ohne Autorenangaben –
  • 2/1964, S. 6 Kritik "Herkuleskeule" "Antik verpackte Gegenwart"
  • 4/1964
    • S. 1 "5 Jahre Bitterfelder Weg"
    • S. 2-11 Kritiken Kabarett Ost- und Westberlin, Wie schreibt man Kabaretttexte?
  • Beilage 9/10 Inhalt: "Über Revuetanz, Nackttanz, Sex"

Jahrgang 1968

  • 10/1968 Erklärung von Artisten zum Einmarsch in die CSSR
  • 7/1968 Analyse ästhetischer Bedürfnisse der Jugend
  • 7/1968 Revolte im Kabarett (Essener Kabaretttage) sowie DDR-Kabarett-Kritiken

Verfasser/in

Dagmar Gelbke / WS 11/12